Von Müdigkeit über Verdauungsbeschwerden bis hin zu einem schwachen Immunsystem – es gibt kaum ein Leiden, für das inzwischen kein probiotisches Produkt angepriesen wird. Es gibt sie in allen Formen, Farben – und natürlich auch Preisklassen. Aber was sind Probiotika eigentlich, was sind ihre Aufgaben und – am allerwichtigsten – was ist dran an den oft vollmundigen Versprechungen?
Bei sogenannten Probiotika handelt es sich um Produkte mit lebenden Mikroorganismen, welche sich im Darm ansiedeln und so das Darmmikrobiom „sanieren“ sollen. Deswegen wird in diesem Zusammenhang oft auch von einer „Darmsanierung“ gesprochen.
Ein Gesundheitstrend, der immer häufiger beobachtet werden kann. Aber wozu dient das?
Zuallererst einmal die Grundlagen: Unser Darm ist tatsächlich ein unglaublich komplexes Wunderwerk, denn er sorgt nicht nur dafür, dass die Nährstoffe, die wir über die Nahrung aufnehmen, an die richtigen Stellen im Körper gelangen, sondern ist auch für ca. 80 % unserer körpereigenen Immunreaktionen verantwortlich.
Daneben ist er mit anderen Organsystemen verbunden. Besonders im Fokus der Wissenschaft steht dabei aktuell die Darm-Hirn-Achse. Bei der Erforschung dieser Verbindung zwischen Darmmikrobiom und dem Gehirn wurden Hinweise darauf gefunden, dass der Darm Auswirkungen auf bestimmte Gehirnfunktionen haben könnte.
Kein Wunder also, dass er mittlerweile als das Zentrum unseres Wohlbefindens gilt – oder eben des Unwohlseins, wenn er in seiner Funktion gestört ist. Eine entscheidende Bedingung dafür, dass unser Darm seinen Aufgaben auch wirklich richtig nachgehen kann, ist ein ausgeglichenes Mikrobiom.
Als Mikrobiom wird die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm bezeichnet.
Diese bilden ein komplexes Ökosystem, ähnlich einem tropischen Regenwald. Auch er kann nur gedeihen, wenn alle in ihm lebenden Organismen im Einklang miteinander stehen.
Nimmt zum Beispiel eine Pflanzenart jedoch überhand, kann dies das gesamte Gleichgewicht stören. Diese Faktoren lassen sich auch auf das Darmmikrobiom übertragen, welches laut aktueller Forschung aus bis zu 100 Billionen Bakterien besteht!
Die Bakterien lassen sich dabei in unterschiedliche Stämme unterteilen – wie die Pflanzenarten im obigen Beispiel auch jeweils unterschiedliche Eigenschaften und Aufgaben haben. Ungünstige äußere Einflüsse, zum Beispiel eine einseitige Ernährung, Stress oder bestimmte Medikamente, können dazu führen, dass manche Bakterienstämme vermehrt auftreten und andere dadurch zurückgedrängt werden oder sogar insgesamt die Anzahl der Darmbakterien zurückgeht.
Das so entstandene Ungleichgewicht wird wissenschaftlich auch als Dysbiose bezeichnet und wird mittlerweile mit vielen gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht. Das bestätigt auch Mikronährstoff-Experte Martin Gschwender:
Die Bakterien in unserem Darm beeinflussen nicht nur den Darm selbst, sondern unseren ganzen Körper. Forscher entdeckten Verbindungen zu unserem Immunsystem, zu anderen Organen, zu Abgeschlagenheit und Müdigkeit, ja sogar zu Übergewicht, Hauterkrankungen und Allergien.
Auf den ersten Blick nicht ersichtlich: Hinter Erschöpfungssymptomen kann auch eine Dysbiose stecken.
Genau dort wollen die sogenannten Probiotika ansetzen.
Die Grundidee: Spezifische Darmbakterien sollen gezielt zugeführt werden, dadurch das Darmmikrobiom wieder ins Gleichgewicht kommen und der Darm in der Erfüllung seiner Aufgaben wieder optimal unterstützt werden – für rundum mehr Wohlbefinden. Das klingt im ersten Moment sehr einleuchtend – aber kann das wirklich funktionieren?
Mythen und Fakten zu Probiotika
Wie um jeden Hype bildeten sich auch um das Thema Probiotika schnell zahlreiche Mythen und Behauptungen, die die Auswahl eines passenden Präparats erschweren. Wir nehmen die am weitesten verbreiteten Mythen unter die Lupe:
Mythos 1: Probiotikum ist gleich Probiotikum
Fakt 1: Diesen Mythos können wir mit einem klaren „Falsch“ beantworten.
Die verschiedenen von uns untersuchten Präparate unterschieden sich sehr stark voneinander. Besonders deutlich war dies zum Beispiel bei der Anzahl der untersuchten Bakterienstämme sowie bei der Dosierung und der Verpackung. All diese Kriterien bestimmen letztlich die Qualität eines Produktes.
Mythos 2: Probiotika wirken nicht, da sie von der Magensäure zersetzt werden und somit gar nicht lebendig im Darm ankommen
Tatsächlich sind einige Bakterien, insbesondere Bifido- und Milchsäurebakterien, der Magensäure gegenüber unempfindlich. Auch wenn das im ersten Moment überraschend klingt, so ist es doch logisch – schließlich haben auch die bereits in unserem Darm ansässigen Bakterien, welche wir über unsere Ernährung aufgenommen haben, diesen Weg beschritten und sind lebend in unserem Darm angekommen – ganz ohne die vielbeworbenen magensaftresistenten Kapseln und ähnlichen Hokuspokus.
Mythos 3: Probiotika liefern kaum mehr Bakterien als unsere herkömmliche Ernährung
Fakt 3: Auch dieser Mythos stimmt eher nicht.
Zum einen gibt es zwar durchaus Lebensmittel mit probiotischen Eigenschaften; so enthalten zum Beispiel Joghurt, aber auch Sauerkraut und das aktuell so beliebte koreanische Kimchi Milchsäurebakterien. Jedoch handelt es sich dabei meist nur um einige wenige verschiedene Stämme. Zum anderen muss man beachten, dass viele Produkte pasteurisiert werden, was die Bakterien (sowohl die schlechten als auch die guten) tötet.
Gute Mikrokulturenpräparate enthalten dagegen mindestens 20 Mrd. koloniebildende Einheiten (KBE) pro Kapsel.
Mythos 4: Ein gutes Probiotikum ist teuer
Fakt 4: Stimmt eher nicht.
Probiotika gibt es in allen Preisklassen. Ab welchem Betrag ein Produkt als teuer empfunden wird, ist natürlich immer eine persönliche Einstellung, doch kann man als Faustregel festhalten: Gute bis sehr gute Probiotika gibt es bereits ab knapp 1 € pro Tagesdosis.
Natürlich freut sich jeder, wenn er sparen kann, insbesondere bei Produkten, die täglich und längerfristig eingenommen werden sollen. Doch darf dabei nicht vergessen werden: Gute Grundlagenforschung, die sorgfältige Auswahl der Stämme, eine hohe Dosierung und eine angemessene Verpackung haben ihren Preis. Auch wenn wir günstige Produkte nicht pauschal abwerten wollen, sollte billigen Angeboten aus den genannten Gründen mit Vorsicht begegnet werden.

Mythos 5: Ein gutes Probiotikum wirkt sofort!
Die Idee sogenannter Probiotika ist, das Darmmikrobiom langfristig zu unterstützen. Bedenkt man, wie außerordentlich viele Bakterien unser Darm enthält, ist eigentlich klar, dass über Nacht kaum große Erfolge zu erzielen sind.
Zwar bemerken einige Menschen durchaus schon nach der ersten Woche leichte Veränderungen (vor allem im Bereich der Verdauung), doch empfehlen Mikronährstoff-Spezialisten, wie auch Dr. Gschwender aus München, eine Einnahme über einen Zeitraum von mindestens 2 bis 3 Monaten.
Was macht ein Mikrokulturenpräparat aus?
Hinweis: Der Begriff „Probiotikum“ ist zwar weit verbreitet, darf zur Bewerbung eines entsprechenden Produktes jedoch nicht mehr verwendet werden.
Die Redaktion hat sich stattdessen für den passenderen Begriff „Mikrokulturenpräparat“ entschieden.
Nach eingehender Recherche haben unsere Experten die 5 wichtigsten Qualitätsmerkmale identifiziert und im Anschluss daran 5 aktuell sehr bekannte Produkte auf diese Merkmale hin geprüft.
Qualitätsmerkmal 1: Die Anzahl der enthaltenen Bakterienstämme
Ein gutes Mikrokulturenpräparat versucht, in seiner Zusammensetzung der eines ausgeglichenen menschlichen Darmmikrobioms möglichst nahezukommen. Im Prinzip soll es quasi eine Stuhltransplantation imitieren – jedoch ohne den Ekelfaktor. Nun beherbergt ein menschlicher Darm aber nicht nur 3 bis 10 verschiedene Bakterienstämme, sondern weitaus mehr. Entsprechend sollten mindestens 50 verschiedene Stämme enthalten sein.
Qualitätsmerkmal 2: Die Dosierung der koloniebildenden Einheiten
Zwar klingen Zahlen wie 2, 4 oder 10 Mrd. KBE zuerst einmal sehr beeindruckend, jedoch enthält ein gesunder Darm nach aktueller Forschungslage 10 bis 100 Billionen Bakterien. Präparate mit einer zu geringen Dosierung fallen dadurch nicht genügend ins Gewicht, um tatsächlich eine Veränderung bewirken zu können. Experten empfehlen aktuell Produkte mit mindestens 20 Mrd. KBE.
Qualitätsmerkmal 3: Die Unterstützung der Darmschleimhaut
Damit sich die Mikrokulturen überhaupt im Darm ansiedeln und dort ihre Arbeit verrichten können, brauchen sie einen entsprechenden Nährboden: eine intakte Darmschleimhaut. Das Problem: Diese ist gerade bei Darmproblemen oft bereits in Mitleidenschaft gezogen, was die Ansiedelung der guten Bakterien erschwert. Mikrokulturenpräparate sollten daher neben Bakterien auch Stoffe enthalten, welche die Darmschleimhaut unterstützen, wie zum Beispiel die B-Vitamine Niacin und Biotin.
Qualitätsmerkmal 4: Die Stabilität der Verpackung
Die Bakterien in einem Mikrokulturenpräparat werden bei der Herstellung durch Gefriertrocknung in eine Art Winterschlaf versetzt. Kommen sie in Kontakt mit Feuchtigkeit, „erwachen“ sie. Liegen dann geeignete Nahrungsquellen vor – was im Darm der Fall ist –, gedeihen die Bakterien. Das Problem: Viele Verpackungsformen schützen die Präparate nicht ausreichend vor Feuchtigkeit.
Sind Kapseln zum Beispiel nicht einzeln, sondern zusammen in einer Plastikdose oder einem Glas verpackt, kommen die Produkte bei jedem Öffnen in Kontakt mit Luft beziehungsweise Feuchtigkeit. Die Folge: Die Bakterien können zu früh erwachen, finden dann jedoch in der Kapsel keine Nahrung – und verhungern.
Bei Plastikverpackungen kommt erschwerend hinzu, dass das Material Feuchtigkeit nicht vollständig abhält: Winzige Mengen an Feuchtigkeit können die Verpackung passieren. In diesen Fällen sind bei der Einnahme daher nicht selten schon alle enthaltenen Bakterien abgestorben.
Als Verpackungsgoldstandard gelten sogenannte Alu-Alu-Blister, bei denen jede Kapsel einzeln in eine Aluminiumkammer gebettet ist und somit optimal geschützt ist.

Alu-Alu-Blister schützen Bakterien in ihren Kapseln optimal vor Feuchtigkeit.
Qualitätsmerkmal 5: Qualitätsstandards und Zertifizierung
Leider gibt es von gesetzlicher Seite kaum Vorgaben zur Herstellung von Mikrokulturenpräparaten. Aus diesem Grund werben viele Hersteller mit Zertifizierungen – die oft aber nur einen Mindeststandard abdecken. Deshalb ist es besonders wichtig, die ausgelobten Zertifizierungen genauer zu betrachten.
Den höchsten Standard sichert die Produktion nach GMP (Good Manufacturing Practice), dem Arzneimittelproduktions-Standard. Nur bei GMP-zertifizierten Herstellern können Verbraucher sicher sein, dass die Mikrokulturenpräparate nach diesem besonders hohen Standard gefertigt wurden.
Entsprechend diesen Kriterien haben wir fünf aktuell weit verbreitete Produkte untersucht und sind zu folgendem Ergebnis gekommen:
Fazit
Der Darm steht aktuell im Fokus medizinischer Forschung – wir meinen zu Recht! Bereits jetzt lässt sich der große Einfluss dieses Organs und seiner bakteriellen Bewohner auf viele Gesundheitsbereiche erahnen. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass der heutzutage verbreitete stressige Lebensstil unser Darmmikrobiom negativ beeinflussen kann.
Mikrokulturenpräparate können dann in vielen Fällen eine sinnvolle Ergänzung sein. Jedoch zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass sich zwischen den auf dem Markt befindlichen Produkten doch enorme Qualitätsunterschiede ausmachen lassen.
Daher ist es besonders wichtig, sich vor dem Kauf umfassend zu informieren.
Testsieger bestellen
Bewertung im Vergleich: 95/100
Kijimea K53 Advance online kaufenKim, Sangman M et al. “Fecal microbiota transplant rescues mice from human pathogen mediated sepsis by restoring systemic immunity.” Nature communications vol. 11,1 2354. 11 May. 2020, doi:10.1038/s41467-020-15545-w
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Frank Mehrbach wurde 1965 in Hamburg geboren und lebte seine Leidenschaft für das Schreiben schon früh durch sein Mitwirken in diversen Studentenzeitungen aus. Nach seiner akademischen Laufbahn besuchte er zahlreiche Seminare und Vorträge rund ums Thema Gesundheit, durch die er sein journalistisches Handwerk mit seiner Leidenschaft für Medizin kombinieren konnte. Mehrbach schrieb für verschiedene medizinische Fachzeitschriften und Gesundheitsmagazine.
2005 trat Frank Mehrbach schließlich dem Redaktionsteam von Spiegel der Gesundheit bei. Dank seiner fundierten Kenntnisse aus dem Gesundheitssektor und seinem Talent für präzise und verständliche Wissenschaftskommunikation stieg er schnell die Karriereleiter hoch. Im Jahr 2015 übernahm er die Position des Chefredakteurs.
Unter Mehrbachs Leitung veröffentlicht Spiegel der Gesundheit eine Vielzahl von Artikeln und Reportagen, die sich sowohl an medizinisches Fachpublikum als auch interessierte Laien richtet. Sein Ziel ist es, komplexe medizinische Themen verständlich darzustellen und gleichzeitig den neuesten Stand der Forschung zu präsentieren. Frank Mehrbach ist bekannt für seine sorgfältige Recherche und sein Engagement für qualitativ hochwertigen Journalismus.
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